Home Sweet Home?

Wohnen ist für viele Bremer zu teuer

Fast ein Drittel aller Haushalte in Bremen und Bremerhaven gibt mehr als 40 Prozent des Einkommens für Warmmiete und Strom aus: Das ist eines der Ergebnisse einer Befragung, die die Arbeitnehmerkammer zusammen mit dem Statistischen Landesamt durchgeführt hat. Daraus geht auch hervor, dass es große Unterschiede zwischen den Stadtteilen gibt – sowohl bei den finanziellen Belastungen als auch bei der Zufriedenheit im Wohnumfeld.

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Foto: Jonas Ginter

Gudrun Grote fühlt sich wohl in Findorff. Nach dem Frühstück setzt sie sich gerne auf den Balkon ihrer Wohnung im ersten Stock und trinkt einen letzten Tee, bevor sie sich auf den Weg zur Arbeit macht. Ihr Blick fällt dann auf die Hemmstraße, wo sie innerhalb weniger Gehminuten drei große Supermärkte zur Auswahl hat. Und auch sonst ist fußläufig gut zu erreichen, was der Mensch so braucht: Vom Ärztehaus über den Wochenmarkt bis hin zum Klamottenladen ist alles da.

„Theoretisch müsste ich den Stadtteil gar nicht verlassen“, sagt die 61-jährige Schulsozialarbeiterin. „Ich bin da total verwöhnt. Wenn ich Freunde besuche, wo es mit der Nahversorgung anders aussieht, fällt es mir schon auf, wenn ich länger als fünf Minuten gehen muss.“

Vor 27 Jahren zog Grote mit ihrer Lebensgefährtin in die 64 Quadratmeter große Drei-Zimmer-Wohnung, zunächst zur Miete. Drei Jahre später nahmen die beiden zwei Pflegekinder bei sich auf – da wurde es eng, aber der Platz reichte auch für vier. Das Jahr 2008 brachte dann verschiedene einschneidende Ereignisse mit sich: Das Paar kaufte die Wohnung, um fürs Alter vorzusorgen, die Kinder zogen aus und ihre Partnerin starb. An einen Umzug hat Gudrun Grote trotz der damals traurigen Umstände nie gedacht. „Das hier ist mein Zuhause“, betont sie. „Solange ich die Treppen selbst gehen kann, bleibe ich hier.“

Aus ihrer Sicht sprechen gleich mehrere Aspekte für ihren Stadtteil, unter anderem auch die gute Erreichbarkeit. „Die Busse fahren regelmäßig und mit dem Fahrrad bin ich schnell am Bahnhof“, erläutert sie. „Ich habe zwar schon manchmal gedacht, dass eine Straßenbahn schön wäre – aber das ist für mich kein Grund, wegzuziehen.“

Als positiv nimmt sie darüber hinaus wahr, dass sich die ebenfalls zumeist seit vielen Jahren dort lebenden Nachbarn gegenseitig im Blick haben und gut aufeinander aufpassen. Überhaupt fühle sie sich in Findorff absolut sicher, meint die 61-Jährige. „Ich habe noch nie Angst gehabt. Auch nicht, wenn ich nachts allein unterwegs bin.“ Und nicht zuletzt schätzt sie die Sauberkeit im Quartier. Einer der geflüchteten jungen Männer, um die sie sich ehrenamtlich kümmert, ist kürzlich nach Gröpelingen gezogen: „Da ist mir erst so richtig aufgefallen, wie sauber es hier ist.“

Gudrun Grote

 

Andreas Schörner und seine Frau

 

Wohnraumförderung langfristig aufstellen

Die Beobachtungen der Findorfferin stimmen ziemlich genau mit dem überein, was eine Mieter- und Eigentümerbefragung der Arbeitnehmerkammer in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Landesamt kürzlich ergeben hat. Demnach sind die Menschen in Findorff und in der Östlichen Vorstadt mit hohen Werten von mehr als 90 Prozent besonders zufrieden mit der Nahversorgung. Die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewerten die Befragten vor allem in zentral gelegenen Stadtteilen mit Anschluss an mehrere Straßenbahnlinien positiv.

Die größten Unterschiede zeigen sich bei den Aspekten Sicherheit und Sauberkeit: Während hier die Zufriedenheitswerte in den bürgerlichen Quartieren zwischen Findorff und Oberneuland zum Teil bei mehr als 70 Prozent liegen, sind die Menschen in Walle, Woltmershausen und Huchting mit lediglich 30 bis 40 Prozent deutlich weniger zufrieden mit diesen beiden Punkten. Der mit Abstand unzufriedenste Stadtteil ist Gröpelingen mit einem Wert von nur 12,8 Prozent.

Im Fokus der Befragung standen die Kosten, die Mieter und Eigentümer in Bremen und Bremerhaven für das Wohnen zu tragen haben. Unter der durch Studien und eigene Berechnungen hinterlegten Annahme, dass die Höchstgrenze für eine leistbare Warmmiete inklusive Strom bei 40 Prozent des Nettohaushaltseinkommens liegt, lässt sich als eines der Kernergebnisse festhalten: Zwar können sich die meisten Befragten das Wohnen noch leisten – fast ein Drittel der Mieterhaushalte ist allerdings durch die Wohnkosten zu stark belastet.

Insbesondere gilt dies für Alleinerziehende und allein lebende Senioren, aber auch für jeden fünften Arbeitnehmerhaushalt. „Das macht deutlich, dass wir mehr sozialen Wohnungsbau brauchen“, betont Dominik Santner, Referent für Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik bei der Arbeitnehmerkammer. „Es ist wichtig, dass die Landesregierung die Wohnraumförderung langfristig aufstellt und mit entsprechenden Geldern hinterlegt.“ Die von der Koalition geplante Erhöhung der Sozialbauquote auf 30 Prozent sei ein Schritt in die richtige Richtung.

 

Mehr Unterstützung für einkommensschwache Mieter

Darüber hinaus geht aus den Befragungsergebnissen hervor, dass Eigentum langfristig die finanziellen Be­lastungen senkt. Um mehr Menschen den Kauf einer Immobilie zu ermöglichen, sollte die Eigentumsbildung stärker unterstützt werden, so Santner. „Vor allem für Schwellenhaushalte müsste es hier mehr Möglichkeiten der Förderung geben, zum Beispiel über eine Weiterentwicklung des Eigenheimzuschusses.“

Was auf den ersten Blick überrascht: Obwohl in den bürgerlichen und zentralen Stadtteilen wie Mitte, Schwachhausen, HornLehe, Östliche Vorstadt und Neustadt die höchsten Quadratmeterpreise zu zahlen sind, ist die Wohnkostenbelastung von Mieterhaushalten dort mit unter 30 Prozent vergleichsweise gering. In Stadtteilen wie Woltmershausen, Gröpelingen und Osterholz liegt die Belastung dagegen trotz geringerer Mieten bei durchschnittlich knapp 40 Prozent.

„Das zeigt, dass in Haushalten mit niedrigen Einkommen selbst in diesen eher günstigen Stadtteilen die Mietkosten besonders stark zu Buche schlagen“, meint der Referent. „Gegen diese soziale Spaltung muss die Politik vorgehen, indem sie die benachteiligten Stadtteile gezielt in den Fokus nimmt.“

Dass einkommensschwache Mieter besondere Unterstützung be­nötigen, wird auch daran deutlich, dass die Belastung durch Wohnkosten generell umso geringer ist, je höher das Nettohaushaltseinkommen ist. Vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sei nicht bewusst, dass sie bei niedrigem Einkommen Anspruch auf Wohngeld hätten, sagt Santner. „Darum wäre es wichtig, das Wohngeld stärker zu bewerben und die Wohngeldstellen besser auszustatten.“

Was die Situation nicht gerade einfacher macht ist die Tatsache, dass der Wohnungsmarkt schon seit Längerem angespannt ist und finanzierbare Wohnungen und Häuser immer schwerer zu finden sind.

Andreas Schörner und seine Familie können davon gerade ein Lied singen. Seit viereinhalb Jahren lebt der 51-jährige kaufmännische Angestellte mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn in einem Haus mit fünf Zimmern und eigenem Garten in Osterholz, in dem sich die drei ausgesprochen wohlfühlen. Doch nun müssen sie raus: Ihre Vermieterin hat kurz vor Weihnachten wegen Eigenbedarfs den Mietvertrag gekündigt. Für die kleine Familie ein Schock – und der Beginn eines Besichtigungsmarathons, der sich schnell als zäh und anstrengend erwies. „Wir haben uns schon einiges angesehen“, berichtet Schörner, „aber etwas annähernd Vergleichbares haben wir noch nicht gefunden. Zumindest nicht zu einem vergleichbaren Preis.“

Momentan wenden er und seine Frau knapp 37 Prozent ihres Einkommens für die Warmmiete auf. Nicht wenig, aber machbar: „Wir kommen damit ganz gut zurecht, was aber vielleicht auch in unserer Geschichte begründet liegt. Wir hatten schon schlechtere Zeiten, in denen das Geld deutlich knapper war.“

Wohngeld AKB003_IconInfo

Mietzuschuss (Wohngeld für Mieter) könnte Ihnen zustehen, wenn Sie ein geringes Einkommen haben – etwa unter 1.061 Euro netto für Alleinstehende – und wenn Sie keine anderen Sozialleistungen erhalten. Anträge stellen Sie hier:

Wohngeldstelle Bremen, Contrescarpe 73, 28195 Bremen

Wohngeldstelle Bremerhaven (Sozialamt), Hinrich-Schmalfeldt-Straße 42, 27576 Bremerhaven

Angespannter Wohnungsmarkt

Mit Eigenbedarfskündigungen wie der von Andreas Schörner und seiner Familie hat die öffentliche Rechtsberatung in der Arbeitnehmerkammer regelmäßig zu tun. „Die erste Frage ist dann meistens, ob der Vermieter das so überhaupt darf“, sagt Rechtsberaterin Marion Dobner.

Ihre Antwort: „Das hängt unter anderem vom Inhalt des Kündigungsschreibens ab. Lediglich den Eigenbedarf geltend zu machen, reicht nicht aus – vielmehr müssen die konkreten Umstände genauer erläutert werden. Und natürlich sind Kündigungsfristen einzuhalten, je nach Länge des Mietverhältnisses zwischen drei und neun Monate. Wer in dieser Zeit keine neue Bleibe finde, könne versuchen, mit dem Vermieter informell eine neue Frist zu vereinbaren“, so Dobner. „Oder er kann bis zwei Monate vor Ablauf der Kündigungsfrist Widerspruch einlegen, wenn Härtegründe wie eine schwere Krankheit oder eine bevorstehende Prüfung vorliegen oder noch keine neue Wohnung gefunden wurde.“

Eine weitere Frage, die in der Mietrechtsberatung immer wieder auftaucht, ist die nach der Rechtmäßigkeit von Mieterhöhungen. Sofern der Vermieter die Erhöhung begründet – etwa indem er drei vergleichbare Wohnungen benennt –, sowie verschiedene zu beachtende Fristen und die Kappungsgrenze von 15 Prozent in der Stadt Bremen (20 Prozent in Bremerhaven) einhält, sollte der Mieter der angekündigten Erhöhung zustimmen. Er hat in diesem Fall allerdings auch ein Sonderkündigungsrecht. „In der Praxis kommt das aber praktisch nie zum Tragen“, weiß Marion Dobner. „Die Situation auf dem Wohnungsmarkt macht es wirklich schwer, eine Ersatzwohnung zu finden – erst recht eine bezahlbare.“

Andreas Schörner und seine Familie haben beschlossen, nicht weiter nach einem Mietobjekt Ausschau zu halten, sondern nun möglichst ein eigenes Haus zu kaufen. In ihrem Stadtteil wollen sie auf jeden Fall bleiben, da der Sohn im Sommer von der Grundschule auf die Oberschule wechselt und bei seinen Freunden bleiben möchte. Dass das Angebot an Häusern, die zum Verkauf stehen, derzeit ebenfalls sehr begrenzt ist, haben sie schon festgestellt. Entmutigen lassen wollen sie sich davon aber nicht. „Bei den niedrigen Zinsen ist das gerade einfach eine günstige Gelegenheit“, meint Schörner. „Und wenn wir etwas Passendes finden, sind wir in Sachen Altersvorsorge einen großen Schritt weiter.“

Kommentar von Elke Heyduck, Geschäftsführerin und Leitung der Politikberatung AKB_Icon_Comment2

Der Durchschnitt trügt

Alles halb so wild in Bremen – schaut doch mal nach Hamburg, München, Köln!

So oder so ähnlich wird die Situation von Mieterinnen und Mietern hierzulande häufig eingeschätzt. Aber wie so oft, trügt der Durchschnitt.

Im Mittel geben Bremerinnen und Bremer tatsächlich „nur“ 33 Prozent für Miete und Nebenkosten aus – interessant wird es erst, wenn man sich die gesamte Bandbreite der Belastungen ansieht. Und da gilt: Je größer das Einkommen, desto geringer die Belastung durch Miete – und umgekehrt.

Bremen ist also in der im Vergleich zu anderen Städten komfortablen Situation, sich nicht um alle kümmern zu müssen – dafür aber umso mehr um diejenigen, die es brauchen. Das sind Niedrigverdiener, Alleinerziehende, Senioren und Studierende.

Das sind aber auch (Familien-) Haushalte, bei denen die Entscheidung zur Eigentumsbildung tatsächlich von Förderung abhängt. Das heißt: Instrumente wie der Eigenheimzuschuss, aber auch der soziale Wohnungsbau müssen konsequent an Zielgruppen ausgerichtet werden – etwa im Neubau an den Bedürfnissen Alleinerziehender. Sie brauchen ausreichend Betreuungsmöglichkeiten gekoppelt mit kurzen Wegen.

Unsere Geschäftsstellen

Bremen-Stadt

Bürgerstraße 1
28195 Bremen

Tel. +49.421.36301-0

Beratungszeiten
Bremen-Nord

Lindenstraße 8
28755 Bremen

Tel. +49.421.669500

Beratungszeiten
Bremerhaven

Barkhausenstraße 16
27568 Bremerhaven

Tel. +49.471.922350

Beratungszeiten

Arbeitnehmerkammer Bremen

© 2020 Arbeitnehmerkammer Bremen